Jenseits von Paris

Das Gute ist oft nicht gut genug: Wie der Musiker Bono und seine Ehefrau ihr Engagement in eine Institution verwandeln. Und sich damit nicht nur Freunde machen

von Laura Salm-Reifferscheidt

Die Abendsonne hüllt die Hügel der afrikanischen Savanne in warmes Licht. Rocklegende Bono und seine Ehefrau Ali Hewson sind eben einem Propellerflugzeug entstiegen und schreiten durch hüfthohes Gras neuen Abenteuern entgegen. Beide haben eine Reisetasche von Louis Vuitton über die Schulter geworfen, unter dem Foto prangt der Slogan “Every journey began in Africa”. Das ist das neueste Motiv der “Core Values”-Kampagne, mit der die französische Luxusmarke aus dem Haus LVMH ihre Taschen bewirbt und die von der Ausstellung “Africa Rising” begleitet wurde: Vier afrikanische Künstler, darunter George Lilanga und Seydou Keita, zeigten Anfang Oktober in Paris ihre Sicht auf den aufstrebenden Kontinent. Für “Core Values” waren zuvor schon Rolling Stones‚ Keith Richards, Schauspielerin Catherine Deneuve und Raumfahrer Buzz Aldrin von der Starfotografin Annie Leibovitz in Szene gesetzt worden. Um zentrale Werte geht es – für Louis Vuitton ist das wohl die Kunst des Reisens. Doch für Bono und seine Frau steckt mehr dahinter als ein paar schöne Bilder und die begehrten Designer-Bags. Es ist ein weiterer Teil ihrer lebenslangen Kampagne, aus dieser Welt einen besseren Ort zu machen.

Und so sind die Kleider, die das Paar auf den Aufnahmen für “Core Values” trägt, von ihrem eigenen Mode-Label Edun – ausgesprochen wie der biblische Garten. Im Frühjahr 2005 gründeten sie das Unternehmen. Ihr Ziel: Kleidung zu produzieren, in der man nicht nur gut aussieht, sondern die man auch mit einem guten Gewissen tragen kann. Daher der Name Edun, was rückwärts gelesen nude oder nackt heißt und für Reinheit und Purismus steht. Die Firma verwendet Biobaumwolle und nachhaltig gefertigte Materialien, die teils in Afrika angebaut und weiterverarbeitet werden. Und ganz nach dem Bono´schen Motto ‚”Trade above aid” soll das in New York ansässige Fashion- Label als Vorbild für andere aus der Modebranche dienen, um so den Handel mit Afrika wieder anzukurbeln und auf die Möglichkeiten vor Ort aufmerksam zu machen. Ein notwendiges Unterfangen. In den achtziger Jahren betrug der afrikanische Anteil am Welthandel noch sechs Prozent. 2002 waren es nur noch zwei Prozent, und das, obwohl die Afrikaner 15 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen. Würde Afrika jährlich nur ein Prozent am Welthandelsvolumen dazugewinnen, würde das einen Exportzuwachs von rund 70 Milliarden Dollar bedeuten – ein Dreifaches dessen, was die internationale Entwicklungshilfe zurzeit in den Kontinent pumpt, erklärt Ali Hewson in einem Video auf der Louis-Vuitton-Webseite.

2009 übernahm der Luxusmarkenkonzern LVHM das von der globalen Wirtschaftskrise geschüttelte Öko-Designer-Label zu 49 Prozent. Nun hofft man auf einen zweiten Frühling, der mit der gemeinsamen “Core Values”-Kampagne eingeläutet wird. Die Verhandlungen mit dem Konzern dauerten fast zwei Jahre, denn den Gründern war es besonders wichtig, dass Edun weiter das Ziel verfolgt, für das es ursprünglich angetreten war: Handel als Mittel zur Bekämpfung von Armut in Afrika. Ali Hewson sagt: “Wir wollen, dass Edun ein Erfolg wird, denn je mehr die Firma wächst, umso mehr können wir vor Ort bewirken.” Und bewirkt hat vor allem ihr Mann Bono, der mit bürgerlichem Namen Paul David Hewson heißt, in seiner Karriere als Afrika-Aktivist bereits viel. Es begann Mitte der achtziger Jahre mit einer Reise in das von Hungersnot geplagte Äthiopien. Die Rockröhre und seine Frau arbeiteten im Norden des Landes in einem Waisenhaus. Damals entdeckten sie Afrika für sich – in all seiner Schönheit und mit all seiner Armut. Seitdem setzt sich Bono publikumswirksam für die Bedürftigen ein. Bei dem legendären Live-Aid-Konzert im Londoner Wembley-Stadion im Juli 1985 wurde seine Band U2 einem Millionenpublikum bekannt. Heute hat Bono seine Auftritte vor allem auf den großen Bühnen der Weltpolitik. Beim G8-Gipfel im Sommer 2000 drängte der Sänger die Staatsoberhäupter zu einem Schuldenerlass für die ärmsten Länder der Welt. Er ist Dauergast beim Weltwirtschaftsforum und Mitgründer diverser Initiativen. Etwa der Lobby- und Kampagnenorganisation One, die gegen Armut und vermeidbare Krankheiten kämpft, sowie von Product Red, bei der Unternehmen wie Apple, GAP und American Express Spezialeditionen ihrer Produkte verkaufen. Ein Teil des Gewinns fließt an den Global Fund, eine Organisation zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria. Bonos Einsatz als Weltretter brachte ihm unter anderem eine Nominierung für den Friedensnobelpreis und einen ECHO-Sonderpreis für globales Engagement ein. In Großbritannien schlug man ihn zum Ehrenritter.

 

Doch mit ihrer Modefirma Edun verfolgen die Hewsons einen anderen Ansatz. Sie wollen mehrere kleine Projekte und Initiativen auf lokaler Ebene unterstützen: Das Label kooperiert mit der Fairtrade-Firma Made, die mit ausgewählten Künstlern im kenianischen Nairobi zusammenarbeitet und lokalen, ethisch korrekten Handel mit Accessoires betreibt. Der Massai-Taschenschmuck, der an der neuen “Keepall 45″ von Louis Vuitton und Edun baumelt, stammt von diesen Designern. Als Sidekick unterstützen Made und Edun eine Schule im Kibera- Slum in Nairobi, bekannt aus der John-le- Carré-Verfilmung “Der ewige Gärtner”. Von den Schülern gemalte Bilder wurden auf eine Reihe von T-Shirts von Edun gedruckt. Der Erlös geht zu 100 Prozent an die Schule zurück.

Die Baumwolle für einige der Edun-Produkte wird aus Uganda bezogen. Zusammen mit der Wildlife Conservation Society gründete das Mode-Label die Conservation Cotton Initiative Uganda (CCIU). Mehr als zwanzig Jahre herrschte im Norden des ostafrikanischen Landes ein blutiger Bürgerkrieg. Über 1,5 Millionen Menschen wurden zu einem Leben in Flüchtlingslagern gezwungen. Die Felder der Bauern lagen all die Jahre brach und verwilderten. Nun kehren die Bewohner nach und nach in ihre Heimatorte zurück und müssen sich ein neues Leben aufbauen. In den fünfziger bis siebziger Jahren bestanden die Exporteinnahmen Ugandas zu 25 Prozent aus Baumwolle. Heute sind es nur noch vier Prozent. Die CCIU bildet nun die Bauern aus, unterstützt sie mit Maschinen, Ochsen und Know-how im Anbau von ökologischer Baumwolle und kauft ihnen das Rohmaterial ab. Bereits 2008, im ersten Jahr des Pilotprojekts, konnten Erfolge verbucht werden. 800 Bauern aus der Region Gulu wurden ausgebildet und bei ihren ersten Anbauversuchen begleitet. 2010 war die Zahl bereits auf 3 500 angestiegen und soll noch weiter wachsen. Projekte in anderen Ländern wie Sambia und Madagaskar sind in Planung. Auch Teile der Einnahmen aus den Edun-/Louis-Vuitton- Taschen und die Gage der Hewsons für das Foto-Shooting gehen an die Initiative.

 

Die Baumwolle für einige der Edun-Produkte wird aus Uganda bezogen. Zusammen mit der Wildlife Conservation Society gründete das Mode-Label die Conservation Cotton Initiative Uganda (CCIU). Mehr als zwanzig Jahre herrschte im Norden des ostafrikanischen Landes ein blutiger Bürgerkrieg. Über 1,5 Millionen Menschen wurden zu einem Leben in Flüchtlingslagern gezwungen. Die Felder der Bauern lagen all die Jahre brach und verwilderten. Nun kehren die Bewohner nach und nach in ihre Heimatorte zurück und müssen sich ein neues Leben aufbauen. In den fünfziger bis siebziger Jahren bestanden die Exporteinnahmen Ugandas zu 25 Prozent aus Baumwolle. Heute sind es nur noch vier Prozent. Die CCIU bildet nun die Bauern aus, unterstützt sie mit Maschinen, Ochsen und Know-how im Anbau von ökologischer Baumwolle und kauft ihnen das Rohmaterial ab. Bereits 2008, im ersten Jahr des Pilotprojekts, konnten Erfolge verbucht werden. 800 Bauern aus der Region Gulu wurden ausgebildet und bei ihren ersten Anbauversuchen begleitet. 2010 war die Zahl bereits auf 3 500 angestiegen und soll noch weiter wachsen. Projekte in anderen Ländern wie Sambia und Madagaskar sind in Planung. Auch Teile der Einnahmen aus den Edun-/Louis-Vuitton- Taschen und die Gage der Hewsons für das Foto-Shooting gehen an die Initiative.

Bono sieht sich selbst als einen Geschäftsmann, der nach ethisch vertretbaren Maximen wirtschaftet und andere dazu animieren will, sich ebenso für wohltätige Zwecke einzusetzen. Und wenn es der Sache diene, würde er sich, wie er einmal in einem Interview sagte, sogar mit Luzifer zum Lunch treffen.

 

 

Auch für Edun musste das Ehepaar Hewson schon einiges an Kritik einstecken. Vor allem, als herauskam, dass die Firma nicht alle ihre Produkte in Afrika produzieren lässt, sondern auch in China, das unbequemerweise für seine menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen verpönt ist. Ein Aufschrei ging durch die Presse. Die Hewsons konterten, der Grund für die Produktionsverlagerung sei die Qualität der Kleider aus Afrika. Nicht immer sei sie einwandfrei. Lieferungen kämen unpünktlich. Und als Konsequenz strichen Einzelhändler das Label aus ihrem Sortiment. Ali Hewson erklärte, dass sie und ihr Mann naiv an das Projekt herangegangen seien. “Wir fokussierten anfangs zu sehr auf die Mission. Aber es sind die Kleider, die Produkte. Es ist eine Modefirma. Das muss zuerst kommen”, sagt sie. Zählt man Eduns Live-T-Shirt-Reihe mit, werden heute 80 Prozent der Kleidungsstücke in afrikanischen Ländern wie Tunesien, Tansania und Kenia hergestellt. Und erwirtschaften immerhin 40 Prozent des Verkaufserlöses. Der soll mit der Zeit noch steigen. Und dafür wird sich Bono auch in Zukunft mit den Bushs, Merkels und Mandelas dieser Welt ablichten lassen. Er wird weiterhin mit hungernden Kindern posieren und auch in Designerklamotten durch die afrikanische Savannenlandschaft streifen, solange es dem guten Zweck dient.

 

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