Pomp und Puder

Lustvolle Haute Couture bestimmt die Selbstdarstellung von Männern und Frauen seit vielen Jahrhunderten. Manchmal mehr Kunstobjekt als Körperkleid, ist sie ihren Visionen und ihrer Exklusivität treu geblieben. Zwei Mal im Jahr ruft das Modemekka Paris Liebhaber und Sammler zu den pompösen Couture-Schauen herbei und zelebriert die Extravaganzen der „gehobenen Schneiderei.

Als Charles Frederick 1868 den Verband Chambre Syndical de la Haute Couture gründete, institutionalisierte er nicht weniger als die Königsklasse der maßgeschneiderten Kleidung. Bis heute entscheidet der Verband nach strengen Richtlinien, welches Haus in den Fashion-Olymp aufgenommen wird, sich offiziell als Haute Couture-Label bezeichnen und an den exklusiven Schauen partizipieren darf. Haute Couture bedeutet Utopien fulminanter, wenngleich häufig untragbarer, Mode, die oft so viel mehr über den Zeitgeist einer Gesellschaft oder einer Epoche erzählen kann, als die begabtesten Historiker. Kleider machen nicht nur Leute, sondern auch Geschichte. Seit der Frühen Neuzeit, seit mehr als fünf Jahrhunderten, prägt die “gehobene Schneiderei” Bilder gesellschaftlicher, modischer und kultureller Trends, die ihrer jeweiligen Zeit entsprangen: Taillen wurden schmaler, Schuhe spitzer, Säume kürzer, Perücken höher und Ausschnitte tiefer. Schneiderinnen wie Marie Antoinettes Hof-Modistin Rose Bertin realisierten die dekadenten Vorstellungen der Aristokraten und der vermögenden Klasse der Renaissance, des Barock oder der Belle Epoque in Form wertvoller Kunst-Kreationen. Teilweise avancierten deren Schöpfer zu gern gesehenen Lieblingen der High Societey. Auch Karl Lagerfeld hatte ebenbürtige Vorgänger, die sich an Opulenz zu übertrumpfen suchten.

Die Welt der Mode inspirierte Künstler und Architekten zu manch exzentrischen, rebellischen und teils skandalösen Zeichnungen, die nicht erst seit Coco Chanels “Kleinem Schwarzen”, Tabubrüche begingen. Immerhin ging die Frauenbewegung Mitte des 19. Jahrhunderts Hand in Hand mit der modischen Revolution in Form der Frauenhose. Heute läutet Haute Couture das Revival der 90er Jahre ein, vor 150 Jahren war sie ein Politikum.

Doch vor allem etablierte sie sich als experimentelle und kreative Spielwiese für nie Dagewesenes, wie 2016 eine Ausstellung im Museum für angewandte Kunst in Wien unter dem Titel “Mode-Utopien. Haute Couture in der Grafik” zeigte. Gemäldeartige, fantasievolle Entwürfe reihen sich neben atemberaubenden Kleid-Konstruktionen und verbildlichen das schillernde Faszinosum Haute Couture.

Lange bevor es Begriffe wie Massenproduktion und Fashion-Blogs gab, machten zumeist royale Trendsetter vor, was en vogue und war und sich im Bereich Mode schickte. Durch prunkbesessene Herrscher wie Louis IVX. oder Marie Antoinette wurden mannshohe Frisuren, verführerische Masken oder weiß gepuderte Haut salonfähig. Mitnichten war Haute Couture etwas, das nur das weibliche Geschlecht begeisterte. Historisch gesehen waren es Geistliche und weltliche Oberhäupter – zumeist Männer – die sich mit Schmuck, Pelzen und luxuriöser Kleidung schmückten, um sich von der Masse abzugeben. Dieser ductus wohnt der Haute Couture bis heute inne, auch wenn die Verehrung für die höchste Modekunst und ihre Schöpfer häufig dazu führt, dass die kostbaren Roben in den Safes der Sammlerinnen verschwinden und nur selten hergezeigt werden.

In Wien wandelte man durch historische Modewelten und erlebt anhand von 200 Beispielen, die Plakate, Kunstblätter, illustrierte Bücher und Zeitschriften umfassen, wie populär die Kunst der kunstvollen Mode schon lange vor Christian Dior, Chanel und Jean Paul Gaultier war. Spaß am Luxus und der Provokation inbegriffen!

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